
Die Rückkehr zur Kochkunst: Warum wir wieder selbst in der Küche stehen sollten
Es ist kaum zu fassen, aber es war einmal eine Zeit, in der es eine echte Ehrensache war, sich am Mittagstisch an einer selbst zubereiteten Mahlzeit zu erfreuen. Heute jedoch hat sich der kulinarische Alltag in eine andere Richtung entwickelt. Fertiggerichte, Fast Food und Lieferdienste sind längst die einfache Wahl – und das schon seit über 60 Jahren. Der Trend zu „Bequemnahrung“, wie sie gerne genannt wird, hat sich zwar verändert, aber nicht, ohne den Charme und die Freude an hausgemachten Mahlzeiten zunehmend zu verdrängen. Die Industrie hat sich dieses Bedürfnis nach schnellen, einfach zubereiteten Speisen zunutze gemacht und es geschafft, dass immer mehr Menschen den Kochlöffel lieber in die Hand eines Fertigproduktherstellers legen, als selber in der Küche zu stehen.
Doch der Weg von der mühsamen Hausmannskost zur heutigen Bequemlichkeit ist ein langer und vor allem ein interessanter. Es begann bereits in den 1950er Jahren, als mit der Einführung von „Ravioli in Tomatensauce“ das erste Fertiggericht in Deutschland auf den Markt kam. Es war ein kulinarischer Wendepunkt, der den Beginn einer neuen Ära markierte: der Ära der industriellen Nahrungsmittelproduktion. In den darauffolgenden Jahrzehnten setzte sich der Trend fort, und so konnte man schon bald auf eine Vielzahl von Fertiggerichten zugreifen – und das alles, ohne sich die Mühe machen zu müssen, die Zutaten frisch zu besorgen oder gar in der Küche zu experimentieren.
Das Ende des 20. Jahrhunderts brachte eine wahre Explosion der Fertigprodukte mit sich. Die Tiefkühlabteilungen in Supermärkten wurden immer größer, und selbst in den 80ern fand man Fertigspinat, metallisch schmeckende Baguettes oder gruselige Fischblöcke in Aluschalen im Tiefkühlregal. Sogar „Gourmet“-Gerichte wie Pizza, Pfannkuchen und Lasagne konnte man nun für einen kleinen Preis in der Gefriertruhe kaufen. Die Menschen schienen sich immer mehr auf die Bequemlichkeit und das Versprechen der schnellen Zubereitung zu verlassen. Der Trend zu Fast Food nahm mit den Siegen von McDonald’s, Burger King und unzähligen Dönerbuden noch weiter Fahrt auf. Der Hunger konnte so problemlos gestillt werden – und zwar ohne das Haus zu verlassen.
Und es war nicht nur der Geschmack, der sich veränderte, sondern auch die Konsumgewohnheiten. Die klassischen Märkte, auf denen man Wurst, frisches Gemüse oder Brot direkt vom Bauern oder Bäcker bekam, wurden mehr und mehr von großen Supermärkten und Tiefkühlregalen ersetzt. In den 60er Jahren holte man noch die frische Milch und Eier vom Bauern – eine Idylle, die heute immer mehr der Vergangenheit angehört. Stattdessen stehen heute an jeder Straßenecke Automaten mit abgepackten Lebensmitteln. Und auch die traditionellen Stände, an denen man noch frische Hausmannskost und Würstchen kaufen konnte, verschwanden zusehends.
Was ist also passiert? Warum hat sich die Gesellschaft so stark verändert, dass heute bei einem Großteil der Bevölkerung Fertigprodukte und Lieferdienste bevorzugt werden? Ein Teil der Antwort liegt in der Verschiebung der gesellschaftlichen Normen und Lebensgewohnheiten. Besonders in den 60er und 70er Jahren, als die Frauenbewegung die traditionellen Rollenbilder hinterfragte, veränderte sich auch die Art und Weise, wie Familien ihre Mahlzeiten zubereiteten. Die Mutter, die früher stundenlang am Herd stand, verschwand mehr und mehr aus der Küche, um sich beruflichen Herausforderungen zu stellen. Für viele Männer, die die Küche eher als „Frauendomäne“ betrachteten, war Kochen keine Option. Die Industrie sprang auf diese Lücke an und bot Fertiggerichte an, die sich mühelos in den Alltag integrieren ließen.
Doch die Anfänge des Fast Foods und der Fertigprodukte brachten nicht nur Bequemlichkeit, sondern auch einen massiven Rückgang in der Wertschätzung für natürliche und hochwertige Lebensmittel mit sich. Die 70er und 80er Jahre sind ein dunkles Kapitel der Lebensmittelgeschichte, in dem Chemikalien, Konservierungsstoffe und künstliche Aromen die Oberhand gewannen. Skandale wie der Glykolwein-Skandal oder der Einsatz von DDT in der Landwirtschaft sind nur einige der Beispiele für diese traurige Ära. Lebensmittel wurden immer mehr industrialisiert, und viele Konsumenten machten sich keine Gedanken darüber, was in ihrem Essen tatsächlich enthalten war.
Das Ende des 20. Jahrhunderts setzte noch einen drauf: Neben den schockierenden Lebensmittelskandalen kamen auch die ersten „Ersatzprodukte“ und die Vorliebe für Nahrungsmittel, die in der Zubereitung so wenig wie möglich an echte, frische Zutaten erinnerten. Die berüchtigten Instant-Nudeln, die in den 90ern aufkamen, sind ein Paradebeispiel für diese Entwicklung. Für wenig Geld gab es eine schnelle Mahlzeit, die zwar irgendwie nach „Huhn“ oder „Rind“ schmeckte, aber mit echten Zutaten wenig zu tun hatte.
Heute haben wir ein etwas gesünderes, wenn auch nicht wesentlich besseres Bild: Während wir auf die „modernen“ Fertigprodukte verzichten, die in den 80er Jahren populär waren, haben sich neue Trends etabliert. Fast Food hat seinen festen Platz in der Gesellschaft, ebenso wie Take-Away- und Lieferdienste wie Lieferando. Sogar der Gang zum Supermarkt ist nicht mehr der gleiche: Die Tiefkühlregale sind riesig geworden, und immer mehr Menschen greifen zur Fertigpizza oder fertig zubereiteten Lasagnen, statt sie selber zu kochen.
Es gibt aber auch ein Umdenken, eine langsame Rückkehr zur Küche. Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst gegen Fertigprodukte und Fast Food und wollen wieder selber kochen. Diese Rückbesinnung auf das Kochen mit frischen Zutaten und das Genießen von selbstgemachten Gerichten gewinnt zunehmend an Bedeutung. Aber es ist nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern auch der Gesundheit und der Nachhaltigkeit. Denn wer sich die Mühe macht, eine Mahlzeit selbst zuzubereiten, weiß genau, was drinsteckt und wie viel Freude es machen kann, ein Gericht zu erschaffen.
Ein gutes Beispiel dafür ist, dass viele Menschen inzwischen wieder gerne einfache, aber gesunde Gerichte selbst kochen – und das in kürzester Zeit. Ein Grillteller mit frischem Gemüse, Halloumi und einem leckeren Dip oder eine schnelle Pasta mit frischen Zutaten lassen sich in weniger als 30 Minuten zubereiten, wenn man sich die Zeit nimmt, in der Küche aktiv zu werden. Und das Beste daran: Diese Gerichte sind nicht nur viel gesünder, sondern auch unglaublich lecker und vielseitig.
Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass Fast Food und Fertiggerichte nicht die Lösung für alles sind. Vielleicht ist es auch der Wunsch nach einer Rückkehr zu den Wurzeln der Küche – der Wunsch nach dem, was uns wirklich nährt, statt uns mit immer mehr industriellen Produkten zu begnügen. Was auch immer der Grund sein mag, die Entscheidung, den Kochlöffel wieder selbst in die Hand zu nehmen, ist ein Schritt in die richtige Richtung.
In einer Welt, in der Tiefkühltruhen in den Supermärkten immer größer werden und das Fertigessen beinahe überall auf der Welt zu finden ist, bleibt nur die Frage: Wie lange können wir noch so weitermachen? Werden wir uns weiterhin von der Bequemlichkeit verführen lassen, oder kehren wir zu einer gesünderen, nachhaltigeren und vor allem geschmackvolleren Art der Ernährung zurück – der, die aus der eigenen Küche kommt? Es liegt in unserer Hand, das Zepter wieder selbst in die Hand zu nehmen. Und wer weiß, vielleicht wird das Kochen bald wieder genauso beliebt sein wie das schnelle Fertiggericht – und es wird ein wunderbarer Genuss sein, wieder selbst in der Küche zu stehen.